Medienbeobachtungen eines kritischen Bürgers

Ein engagierter Bürger aus Dresden hat uns einen langen Leserbrief geschickt, einen sehr langen. Darin nimmt er Stellung zur Journalist’s Journey in unserem Newsletter vom Juni 2020. Diese Stellungnahme wird als September-Newsletter des IMV erscheinen. Seine allgemeinere Medienkritik stellen wir an dieser Stelle ein (Teil 1). Sie darf dazu anregen, eigene Beobachtungen anzustellen und Erfahrungen zu sammeln. Hier beginnen wir mit dem Erfahrungsbericht bzw. Schlaglichtern von Uwe Schnabel. (1/3)

Zur Regionalzeitung:
Als meinungsstarke(r) und häufige(r) Leser(innen)briefschreiber(in) wurde ich mal zu einem Forum eingeladen. Dort habe ich verstanden:
Solange die Einnahmen der Zeitung stimmen, wird der Inhalt nicht vorgeschrieben. Aber in Zeitungen, die prinzipiell kapitalismuskritisch sind, und in denen deshalb auch die Hintergründe von Konzernaktivitäten aufgedeckt werden, werden bestimmte Konzerne nicht ihre Anzeigen schalten.

Ich fragte nach der Veröffentlichung von Terminen. Die Antwort war: „Tausende Besuchende oder einen Redakteur überzeugen.“ Aber Kultur- oder staatlich unterstützte Veranstaltungen werden viel einfacher veröffentlicht, erstere auf Veranstaltungsseiten, letztere auch mit ausführlichen redaktionellen Artikeln. Ist es dann ein Wunder, wenn viele Menschen eher dorthin gehen, als zu politischen Veranstaltungen, über die nicht berichtet wird? Führt das nicht zu einer Entpolitisierung?

Es wird genau einmal in der Woche eine Leser(innen)briefseite veröffentlicht: Maximal 20-30 Briefe zu höchstens 600 Zeichen. Eingesendet werden pro Woche etwa 200 veröffentlichbare Schreiben. Mein Vorschlag, doch häufiger solche Schreiben zu veröffentlichen wurde mit der sinngemäßen Bemerkung abgelehnt: „Etwa nur eine Seite redaktionell, der Rest Leser(innen)briefe?“ Später habe ich mitbekommen, bei der Veröffentlichung solcher Schreiben geht es nicht um eine Diskussion, sondern um die Bindung der Abonnierenden zur Erhöhung des Verkaufserlöses. Warum wurde das aber nicht offen mitgeteilt?

Dass die Artikel in eine bestimmte Richtung gehen, z.B. bezüglich Ukraine, Russland und NATO, selbst wenn die veröffentlichten Briefe größtenteils in die entgegengesetzte Richtung gehen, passt dazu. Sollen somit bestimmte Meinungen vermittelt werden, aber gleichzeitig so getan werden, als gäbe es in der Zeitung Pluralismus und Meinungsvielfalt?
Schon viel früher hatte mir ein Lokalredakteur versprochen, eine bestimmte Aussage zu veröffentlichen. Nachdem ich viel später nachgefragt hatte, war seine Antwort: Er ist nur seinem Vorgesetzten Rechenschaft schuldig. Eine inhaltliche Antwort erfuhr ich nicht. Einige Zeit später war er plötzlich ohne jede Begründung aus der Zeitung verschwunden. Er war nicht der Einzige. Fördert das den Mut, auch abweichende Texte zu schreiben?

Bei einer regelmäßigen Kundgebung für soziale Gerechtigkeit, an der ich teilnehme, wurde versprochen, in dieser Zeitung darüber zu berichten. Das ist bis heute nicht erfolgt.

Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender machte Aufnahmen von dieser Kundgebung. Die Ausstrahlung wurde entgegen Versprechungen mehrmals verschoben. Als es dann gesendet wurde, wurden wir in ein möglichst negatives Licht gestellt, in der Art: Ein Häuflein Irrer, für die sich keine andere Person interessiert. Dem entgegenstehende Aussagen und Bilder wurden nicht gesendet. Über PEGIDA wurde dagegen ausführlich berichtet in der Art: Das sind besorgte Bürger, deren Sorgen ernstgenommen werden müssen.
War das Absicht und wenn ja, welche? Welchen Eindruck erzeugt das bezüglich der Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Medien?

Uwe Schnabel, Dresden

Ich verwende verschiedene geschlechtsneutrale Bezeichnungen (z.B. “I”, “”, “_”). Ich könnte in diesen Fällen auch generell die weibliche Form verwenden können. Aber ich wollte betonen: Männer sind in diesen Fällen immer mitgemeint. 😉 Ich selbst bin keine JournalistIn, Medien- oder Kommunikationswissenschaftler_in. Ich beobachte und analysiere nur aufmerksam und kritisch. Dabei ist mir einiges ein- und aufgefallen. Diese Beobachtungen teile ich gern, jeweils verbunden mit Fragen.

About Sabine Schiffer

Gründung (2005) und Leitung des gemeinnützigen Instituts für Medienverantwortung IMV in Berlin, seit 2018 Professur für Journalismus und Kommunikation an der Hochschule für Medien Kommunikation und Wirtschaft HMKW in Frankfurt/Main
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