Beurteilungskriterien für Medienbeiträge – Fortsetzung der Leserbriefreihe

Daneben habe ich weitere Kriterien für die Glaubwürdigkeit einer Meldung bzw. für das sie verbreitende Medium:

Werden gleichartige Sachverhalte gleich dargestellt oder hängt dies von den Handelnden ab? (Doppelmaß)

Wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestierenden kommt, wird in NATO- und verbündeten Staaten der Polizeibericht übernommen und von gewalttätigen Randalierenden gesprochen oder geschrieben, gegen die sich die Polizei zur Wehr setzen musste (Perspektivübernahme der Mächtigen). Z.B. wurden bei vielen Polizeiübergriffen in der BRD betont, dass die Polizei korrekt handelt. Untersuchungen wurden teilweise abgelehnt. Höchstens wurden diese Polizeiübergriffe als Einzelfälle dargestellt, wenn sie sich nicht rechtfertigen ließen (interessengeleitete Individualisierung). Und die Forderung nach Untersuchungen und Konsequenzen wird als Vorverurteilung verleumdet (Doppelmaß und Framing). Bei anderen Staaten, die keine NATO- und verbündeten Staaten sind, sondern versuchen, gegen deren Vorgaben eine eigenständige Politik zu betreiben und deshalb in Konflikt mit ihnen geraten (z.B. China, Venezuela, Nicaragua, Russland, Belarus, Bolivien vor dem jüngsten Putsch usw.), wird dagegen die Polizei aufgefordert, keine Gewalt anzuwenden.

Warum wird das Vorgehen verschiedener NATO-Staaten z.B. gegen Wikileaks, RT oder bestimmten kurdischen Medien meist nicht als Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit verurteilt (Doppelmaß)? Weil sie eine andere Sichtweise vermitteln und dies auch noch begründen? Lässt sich nur so behaupten, dass in den meisten NATO-Staaten die Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet wird?

In NATO- und verbündeten Staaten werden führende Politikerinnen mit ihrer amtlichen Bezeichnung genannt und sie werden als Demokrat_innen und die Systeme als Demokratien bezeichnet (Wording). In den anderen Staaten ist dagegen von (autoritären) Machthabern, Diktatoren oder Autokraten die Rede (Wording). Wie wenig bei uns von Demokratie die Rede sein kann, wissen wir spätestens seit Merkels “marktkonformer Demokratie”, den vielfältigen Einflüssen wirtschaftlich Mächtiger auf Entscheidungen, z.B. der Ignorierung der Ablehnung des Troika-Diktats in Griechenland usw. In den Mainstreammedien wird häufig positiv über Monarchinnen und wirtschaftlich Mächtige berichtet, während Antikapitalist*innen eher negativ dargestellt werden (Perspektivübernahme der Mächtigen).

Deutsche Clans, also Multimillionär(inn)e(n), werden positiv dargestellt (siehe z.B. die Texte zur Reihe “Deutschlands große Clans” unter https://www.phoenix.de/suche.html?vt=Deutschlands%20gro%C3%9Fe%20Clans, z.B. https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/deutschlands-grosse-clans-a-104252.html: “Die Tchibo-Story”), wenn es sich dagegen um ausgegrenzte Personengruppen handelt, wird in diesem Zusammenhang eher von Clan-Kriminalität berichtet (siehe z.B. https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/beuteland-a-1403260.html: “Beuteland. Die Millionengeschäfte krimineller Clans”) (Perspektivübernahme der Mächtigen, Wording und Framing). Sind dann Muslimfeindlichkeit, Antiziganismus und ähnliche rassistische Vorurteile verwunderlich? Haben die erwähnten deutschen Clans ihren Reichtum durch eigene ehrliche Arbeit erworben oder durch Aneignung der Arbeitsleistung vieler anderer Personen?

Und wenn von den schlechten Seiten wirtschaftlich Mächtiger berichtet wird, wird das individualisiert, als persönliches Versagen dargestellt (interessengeleitete Individualisierung). Was das mit Strukturen und dem wirtschaftlichen und politischen System zu tun hat, kommt kaum vor. Ganz anders ist es, wenn es z.B. um die DDR geht (interessengeleitete Verallgemeinerung). Soll so bewusst oder unbewusst vermittelt werden, dass das eigene System in Ordnung ist und nicht das System geändert werden muss, um die Probleme zu lösen? Soll so getan werden, als ließen sich die Probleme mit Moralappellen lösen? Warum wird ignoriert, dass dies nicht funktioniert und nur größerer gesellschaftlicher Druck zu einer Änderung führt? Sollen die Menschen so entpolitisiert werden, um das System zu stabilisieren? Machen sich Journalist_innen ihre Rolle im System eigentlich klar?

Wenn u.a. in den Mainstreammedien und der Politik so vieles individualisiert wird, insbesondere was Entscheidungen betrifft, ist es da ein Wunder, wenn bei PEGIDA gefordert wird:
“Merkel muss weg!”, statt gesellschaftliche Veränderungen zu verlangen? Werden mit diesen Individualisierungen nicht auch Verschwörungsideologien gefördert? Wenn als negativ empfundene Entscheidungen nicht als systembedingt, sondern als persönliche Entscheidungen einer kleinen Gruppe dargestellt werden, ist es dann nicht nur ein kleiner Schritt, dies als Verschwörung zu bezeichnen, insbesondere wenn der genaue Ablauf und die wirklichen Gründe nicht offengelegt werden?

Überhaupt:
Ist die Argumentation in sich logisch und geht sie von logisch nachvollziehbaren Voraussetzungen aus?
Ich erlebe häufiger, dass Menschen sagen, dass sie bestimmte Verhaltensweisen nicht verstehen. Aber sie gehen davon aus, dass die Leute aus den Motiven handeln, die sie angeben. Ich frage nach den wirklichen Interessen/Handlungsmotiven. Dann ist es für mich total logisch.
Das betrifft nicht nur das Wirtschaftssystem und die sich daraus ergebenden Handlungen, sondern z.B. auch die Fragen:
Warum spielen Menschenrechte vor allem dann eine Rolle, wenn damit Machtinteressen durchgesetzt werden sollen, während sie sonst häufig ignoriert werden?
Warum handeln wirtschaftlich oder politisch Mächtige häufig ganz anders, als sie in “Sonntags-“Reden betonen?
Warum wird das selbst dann von ihnen ignoriert, wenn sie auf diesen Widerspruch hingewiesen werden?

Und in den Mainstreammedien, nicht anders als in einigen Blogs, wird überhaupt sehr viel individualisiert, nicht nur, was die Mächtigen betrifft.
Auch bei alternativen Lebens- und Verhaltensweisen werden eher Einzelpersonen oder kleine Gruppen und ihre persönlichen Probleme vorgestellt. Wird so eher der Eindruck vermittelt, dass es auch diese gibt, aber das eher Randgruppen sind?

Das genannte Beispiel mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und der regelmäßigen Kundgebung für soziale Gerechtigkeit ist nur ein Extrembeispiel [LINK]. Aber selbst bei positiver Darstellung: Kann mit dieser Vorgehensweise Verständnis geweckt werden, vielleicht sogar Schlussfolgerungen für die eigene Denk- und Verhaltensweise gezogen werden oder werden die Personen so eher als “die Anderen” dargestellt? Ich erlebe in persönlichen Gesprächen eher, dass dann Vorurteile hängen bleiben, im besten Fall positive, Zusammenhänge und Hintergründe eher nicht.
Wieso werden bei Sendungen über Stressbekämpfung die individuellen Lösungsmöglichkeiten vorgestellt, die gesellschaftlichen Stressursachen aber höchstens am Rande behandelt?
Warum sollen überhaupt gesellschaftliche Probleme durch Appelle an das Handeln Einzelner und zwar möglichst an die mit der wenigsten Macht gelöst werden (z.B. “Verantwortung der Konsument(inn)en”)?

Kommen alle beteiligten Seiten gleichberechtigt zu Wort oder kommt nur eine Seite zu Wort oder wird die eine Seite als glaubwürdiger (z.B. “erklärt”) und die andere als unglaubwürdiger (z.B. “behauptet”, “leugnet”) dargestellt? (Wording)
Wieso können z.B. in den Nachrichten Politiker*innen aus NATO-Staaten unbewiesene Anschuldigungen verbreiten, während bewiesene Fakten (s.o.: Edward Snowden, deutsche oder US-amerikanische Polizei- oder Armeegewalt) nur selten vorkommen?
Setzen sich dann nicht bei vielen Personen diese Anschuldigungen und Behauptungen als bekannt fest, während die wirklichen Zusammenhänge eher nicht in der Erinnerung sind? Ja, fördert das nicht vielleicht das Verschwörungsdenken einiger, die ja ebenfalls unbewiesene Anschuldigungen glauben?

Werden oberflächliche Beziehungen nichtzusammenhängender Sachverhalte dargestellt (“Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten …” (Goethe: Faust I, Gespräch zwischen Mephistopheles und dem Schüler)) oder nach wirklichen Zusammenhängen und Hintergründen gesucht?
Häufig ist das Erstere “nur” nicht erkenntnisfördernd, im Gegenteil. Aber wenn z.B. in einer Sendung über die Bekämpfung von Lebensmittelverschwendung, Lebensmittelretter*innen/Foodsharing, einschließlich Containern/Lebensmitteltauchen, gleichberechtigt neben Betrieben vorgestellt werden, die mit dem Weiterverkauf älterer Lebensmittel großen Gewinn erzielen wollen, frage ich mich: Werden da nicht die eigentlichen Ziele der Beteiligten verschleiert?

Berichten also die Mainstreammedien einseitig im Interesse der Herrschenden, werden entgegengesetzte Fakten ignoriert und entgegengesetzte Meinungen ignoriert bzw. herabgewürdigt? Gibt es nicht entsprechende Untersuchungen zu verschiedenen Themen, auch vom IMV? Vermittelt die Kritik an einzelnen Sachverhalten oder Personen nicht den Eindruck, das wären nur kleine Probleme in einem prinzipiell funktionierenden System? Wird mit der Skandalisierung von Sachverhalten die Abweichung von der Regel suggeriert und so von den eigentlichen Problemen abgelenkt?

Einige mir spontan einfallende Ursachen, die ich teilweise bereits genannt habe:
• Personal wird abgebaut, Honorare werden gekürzt. Deshalb sind viele froh, fertige Texte zu erhalten, die sie maximal nur leicht bearbeiten müssen. Damit werden PR-Texte bevorzugt (s.o.).
• Bestimmte Informationen gibt es nur bei Wohlverhalten (z.B. http://www.deutschlandradiokultur.de/manipulation-statt-information-sind-wir-auf-dem-weg-zur-pr.976.de.html?dram:article_id=309417: “Sind wir auf dem Weg zur PR-Republik?” An anderer Stelle erfuhr ich dies vom BND oder von eingebetteten JournalistInnen, z.B. bei Militäreinsätzen.).
• Die meisten Mainstreammedien sind im Besitz der Herrschenden (Medienkonzerne) bzw. werden von ihren Sachwaltern/Helfershelfern in der Politik kontrolliert (öffentlich-rechtliche Medien).
• Viele Medien sind auf Werbeeinnahmen angewiesen, wollen es sich also mit den werbenden Firmen nicht verderben (s.o.).
• Wirtschaftlich Mächtige haben mehr Möglichkeiten, Druck auf Medien auszuüben (z.B. Klagen).
• Die Beschäftigten wollen ihre Stelle behalten (Anpassungsdruck) (s.o.).
• Sie wollen auch darüber berichten, worüber andere berichten (z.B. “Leitmedien”) (s.o.).
• Auch Medienschaffende sind von der veröffentlichten Meinung beeinflusst und verstärken diese selbst (s.o.).
• u.s.w

Uwe Schnabel, Dresden

About Sabine Schiffer

Gründung (2005) und Leitung des gemeinnützigen Instituts für Medienverantwortung IMV in Berlin, seit 2018 Professur für Journalismus und Kommunikation an der Hochschule für Medien Kommunikation und Wirtschaft HMKW in Frankfurt/Main
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