Wie könnte es in den Medien besser laufen?***

Nachdem ich in https://medienverantwortung.de/2020/09/11/imv-newsletter-september-2020-von-der-journalists-journey-zur-leser_innen-journey einige kritische Fragen zu https://medienverantwortung.de/2020/06/04/newsletter-juni-2020 gestellt und in https://medien-meinungen.de/2020/08/medienbeobachtungen-eines-kritischen-buergers einige meiner Erfahrungen mit einer Regionalzeitung und einem Fernsehsender beschrieben hatte, schlug ich in https://medien-meinungen.de/2020/09/beurteilungskriterien-fuer-medienbeitraege-fortsetzung-der-leserbriefreihe Beurteilungskriterien für Medienbeiträge und mögliche Ursachen für die Art der Medieninhalte vor. Da könnte leicht die Frage entstehen: “Und wo bleibt das Positive? Wie könnte es in den Medien besser laufen?” Deshalb möchte ich über einige Erfahrungen berichten, wie tatsächlich Erkenntnisförderung und ein unparteiischer, konstruktiver und vorurteilsfreier Meinungsaustausch möglich sind.

Zuerst zu einem Medium, was zwar auch nicht meinem Ziel entspricht, bei dem ich aber erlebe, dass es auch ganz anders geht als bei den kritisierten Beispielen: Die junge Welt (www.jungewelt.de).
Sie bezeichnet sich selbst als marxistisch, bekennt sich also ausdrücklich zu einer Richtung, die der herrschenden Meinung entgegensteht. Allerdings legt sie dies so weit aus, dass selbst entgegengesetzte Meinungen veröffentlicht werden. Durch die Veröffentlichung von (nur leicht bearbeiteten) Agenturmeldungen, Dokumenten (z.B. Auszüge aus den Berichten der Inlandgeheimdienste) und teilweise auch in namentlich gekennzeichneten Artikeln und Interviews kommen auch antimarxistische Aussagen zu Wort. Allerdings ist es so, dass die in der jungen Welt Schreibenden und die Verantwortlichen natürlich wegen ihrer Ausrichtung stark angegriffen werden, einschließlich mit Gerichtsprozessen (siehe https://medien-meinungen.de/2020/09/beurteilungskriterien-fuer-medienbeitraege-fortsetzung-der-leserbriefreihe). Das führt zu einer Verteidigungshaltung und ebenfalls zu Angriffen. Diese sind leider nicht immer sachlich und richten sich auch gegen Personen, Gruppen und Anschauungen, bei denen es nicht gerechtfertigt ist. So wurden Teile der Friedensbewegung in die rechte Ecke gestellt, weil sich dort auch Reichsbürger, Querfrontler usw. zu Wort gemeldet. Ihnen wurde zwar bei den entsprechenden Kundgebungen auch widersprochen. Das wurde aber ignoriert und verfälschend dargestellt. Das führte dazu, dass einige linke Friedensaktivist*innen sich von der jungen Welt abgewendet hatten oder zumindest zeitweise nicht mehr veröffentlichen konnten. Ähnliches beobachtete ich bei der Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen. Weil bestimmte Formen eines Grundeinkommens aus neoliberaler Ecke befürwortet werden, werden das Grundeinkommen häufig insgesamt als neoliberales Projekt und Grundeinkommensbefürwortende als Neoliberale bewertet und entsprechend bekämpft. Differenzierte Meinungen werden kaum veröffentlicht.
Ich selbst hatte angeboten, auf einem Parteitag der LINKEn 2013 junge-Welt-Ausgaben auszulegen, “natürlich nur ein Exemplar, in dem nicht auf die Personaldiskussion in der LINKEn eingegangen wird. Da möchte ich mich nicht hineinziehen lassen.” (Zitat aus meiner E-Mail vom 7.6.2013). Dies wurde nicht nur ignoriert, auf mündliche Nachfrage hin wurde mir auch erklärt, dass dies negativ angekommen ist und deshalb bewusst nicht beantwortet wurde. Mindestens eine andere mir nahestehende Person, die früher in der jungen Welt interviewt wurde, hatte größeren Ärger bekommen, weshalb sie nicht mehr angefragt wurde.
Also erlebe ich hier eine weit größere Vielfalt, aber Einseitigkeiten sind wegen der Angriffe auch hier vorhanden. Also: Kritisches Lesen ist auch hier erforderlich.

Besser lief es bei der leider inzwischen eingestellten “fairquer”, einer sächsischen entwicklungspolitischen Zeitschrift, herausgegeben vom Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen e.V. (ENS). Nachdem ich einige Ausgaben gelesen habe, fing ich an, zu Artikeln Leser*innenbriefe zu schreiben, wenn ich dachte, dass ich etwas dazu ergänzen könnte. Sie wurden nicht nur gedruckt, ich wurde auch eingeladen mitzuarbeiten. In Gesprächen versuchten wir, zu den in Artikeln behandelten Themen vorher ins Gespräch zu kommen und die verschiedenen Argumente und Sichtweisen zu beleuchten. Teilweise wurde so erreicht, dass dies in einem Artikel dargestellt wurde, teilweise standen auch verschiedene Texte nebeneinander oder es entspann sich eine Diskussion über mehrere Ausgaben. Dabei ginge es darum, eine möglichst umfassende und differenzierte Sicht auf das jeweilige Thema darzustellen. Die eigene Sicht und die Begründung dafür wurden zwar deutlich, aber es wurde auch gezeigt, dass es auch gute Argumente für andere Sichtweisen gibt, z.B. weil diese im Interesse der jeweiligen Personen liegen.

Ähnliche Erfahrungen gewann ich auch in anderen Bereichen, wenn auch nicht in Medien. Diese möchte ich auch darstellen und andeuten, wie sich diese auf Medien übertragen lassen.

Ich bin u.a. bei der Friedensmahnwache Dresden (www.mahnwache.wordpress.com) aktiv. Dort gibt es ein offenes Mikrofon. Damit die Diskussion ergebnisorientiert, unparteiisch, konstruktiv und vorurteilsfrei verläuft, haben wir uns ein paar Regeln gegeben, an die sich alle mehr oder weniger halten. Leider habe ich keine schriftliche Fassung gefunden. Deshalb schreibe ich meine Interpretation auf, wie ich sie verstanden und mir gemerkt habe:
Wir verkünden keine absoluten Wahrheiten, begründen aber unsere Sichtweisen, verbreiten also nicht nur Behauptungen und Meinungen. Wir vertreten nicht die Meinung einer Organisation oder Gruppe, sondern immer nur die eigene, um keinen Streit zwischen Gruppen zu erzeugen. Wir trennen die Auseinandersetzungen mit bestimmten Positionen von den Personen, die sie vertreten. Wenn also Positionen kritisiert werden, wird das nicht als persönlicher Angriff betrachtet und wir können auch Personen wertschätzen, deren Positionen wir ablehnen. Überhaupt versuchen wir Wertschätzung und Akzeptanz zu üben. Menschenverachtende Positionen dürfen nicht geäußert werden. Um diese Auseinandersetzung der verschiedenen Positionen, die es auch bei der Friedensmahnwache Dresden gibt, zu beruhigen, rufen wir auch nicht rein, wenn wir mit einer Position nicht einverstanden sind. Wir haben grüne und rote Karten. Die grüne Karte zeigen wir, wenn wir eine Position unterstützen, die rote, wenn wir sie ablehnen. Wenn eine Person eine rote Karte zeigt, hat sie anschließend das Recht zu sagen, was sie anders sieht. Dabei sagt sie, was sie verstanden hat und warum sie das anders sieht. Manchmal entsteht dadurch eine längere Diskussion, bei der jeweils auf die Argumente eingegangen und darauf geantwortet wird. Und manchmal stehen auch 2 Personen am Mikrofon, die miteinander diskutieren. So ist es möglich, gemeinsam die Sichtweise weiterzuentwickeln und zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Das führt dazu, dass im Gegensatz zu den Mainstreammedien die unterschiedlichen Sichtweisen zu Wort kommen und nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern weiterentwickelt werden. Und im Gegensatz zu vielen Online-Medien schaukelt sich die Diskussion nicht auf, es kommt nicht zu immer heftiger werdenden gegenseitigen Angriffen, sondern bei allen Meinungsunterschieden gibt es zumindest tendenziell eine gegenseitige Achtung und Annäherung.

Ähnliches erlebe ich bei Gesprächen mit einigen mir nahestehenden Personen, mit denen ich mich verbunden fühle, also mit einigen meiner besten Freund*innen und teilweise auch mit anderen Personen. Ja, wir sind häufiger davon geprägt, Zustimmung zu unseren Positionen mit Akzeptanz unserer Person gleichzusetzen. Im Gegensatz zur DDR wird heute eher verbreitet, dass versucht werden soll, die eigene Position durchzusetzen oder bestenfalls Kompromisse zu schließen, statt eine gemeinsame Lösung zu finden. So entsteht eine Tendenz, die eigene Position anderen Personen vermitteln zu wollen. Aber ich erlebe auch, dass es anders geht. Aus einer gegenseitigen Wertschätzung kann so jede beteiligte Person ihre Sicht vortragen. Wir versuchen, uns gegenseitig zu verstehen. Wir können rückfragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben, sagen, was wir verstanden haben, was wir genauso sehen und an welchen Stellen wir warum anderer Meinung sind. So passiert es häufiger, dass wir zu Erkenntnissen kommen, die keine Person von uns vorher hatte, dass wir verstehen, warum etwas so läuft, wie es läuft und wie wir damit umgehen können. Wir versuchen also nicht, uns gegenseitig zu belehren, sondern wir begleiten uns und entwickeln uns gemeinsam weiter. Wir verstehen, warum die andere Person zu ihrer Position kam, selbst wenn wir sie überhaupt nicht teilen, einschließlich der dahinterstehenden Bedürfnisse und Gefühle. Wir sind zwar nicht in gewaltfreier Kommunikation, basisdemokratischer Entscheidungsfindung, einschließlich des Konsensprinzips, den Prinzipien der freien Kooperation oder der Designprinzipien für gelingendes Gemeingutmanagement (z.B. http://www.langelieder.de/lit-helfrich12.html / http://www.langelieder.de/swdruck/helfrich-commons-management.pdf) ausgebildet, aber wir beachten ähnliche Umgangsregeln. So gibt es zwar durchaus größere Meinungsunterschiede und Kritik, aber nie persönliche Angriffe und meist eine Verständigung.

Und wenn das bei Gruppen unterschiedlichster Positionen und im zwischenmenschlichen Bereich möglich ist, warum dann nicht auch in den Medien? Natürlich weiß ich, dass die Medien sich dafür stark ändern müssten. Aber das wäre wirklich eine auch für mich spannende und interessante Diskussion, was sich da konkret ändern müsste und wie das erreicht werden kann. Wie erwähnt, wir könnten dabei zu Erkenntnissen kommen, die keine Person von uns vorher hatte. Und daran würde ich mich gerne beteiligen.

Sicher ließe sich dazu noch viel mehr schreiben. Aber ich hoffe, wenigstens einige Anregungen gegeben und so die Diskussion vorangebracht zu haben.

Uwe Schnabel, Dresden

*** Ich verwende verschiedene geschlechtsneutrale Bezeichnungen (z.B. “I”, “*”, “_”). Ich könnte in diesen Fällen auch generell die weibliche Form verwenden können. Aber ich wollte betonen: Männer sind in diesen Fällen immer mitgemeint. 😉 Ich selbst bin keinE JournalistIn, Medien- oder Kommunikationswissenschaftler_in. Ich beobachte und analysiere nur aufmerksam und kritisch.

About Sabine Schiffer

Gründung (2005) und Leitung des gemeinnützigen Instituts für Medienverantwortung IMV in Berlin, seit 2018 Professur für Journalismus und Kommunikation an der Hochschule für Medien Kommunikation und Wirtschaft HMKW in Frankfurt/Main
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