
Inhaltsverzeichnis
- “Reicht denn das Leid der Menschen nicht aus?”
- Woran liegt das, dass die Aufklärung oft nicht mehr ihr Publikum erreicht?
- Auf einer Seite lesen
Jörg Becker über die politische Rolle von Medien und PR-Arbeit sowie das alte russische Feindbild (Teil 2)
Prof. Dr. Jörg Becker ist Experte für Kommunikations- und Propagandaforschung. In seinem langjährigen Wissenschaftlerdasein, das ihn an internationale Universitäten rund um den Globus führte, hat er unter anderem wichtige Bücher zur Kriegspropaganda herausgegeben – wie 2008 zusammen mit Mira Beham “Operation Balkan. Werbung für Krieg und Tod” und 2016 “Medien im Krieg – Krieg in den Medien”.
Im Interview mit Telepolis gibt Becker instruktive Einsichten in das Verhältnis von PR und Journalismus in Konflikten.
Teil 1 des Interviews: “Zensur macht nur die Sowjetunion, wir selbst haben freie Medien”.
Können Sie ein anschauliches Beispiel für die Arbeit einer konkreten PR-Agentur in den Balkankriegen nennen, damit das für uns etwas plastischer wird?
Jörg Becker: Tja, am meisten ist mir in den Balkankriegen die US-amerikanische PR-Agentur Ruder Finn aufgefallen. Ich sage zwei Beispiele, warum sie mir aufgefallen ist: Erstens, weil diese Agentur es im Gegensatz zu den internationalen Ethikregeln der PR-Verbände fertiggebracht hat, zwei miteinander verfeindete Regierungen, die im Krieg gegeneinanderstanden, mit unterschiedlichen PR-Verträgen gleichzeitig zu bedienen. Das ist schon ein starkes Stück.
Die Ethikrichtlinien der weltweiten PR-Verbände verbieten genau dieses oder legen das nahe. Eine Ethik kann nicht verbieten, sie macht Empfehlungen: Kontrahenten gleichzeitig zu bedienen, das geht eigentlich nicht.
Aber das inhaltlich drastischste Beispiel, das ich aus diesen Balkankriegen erinnern kann und was wir aufgedeckt haben, war, dass Ruder Finn einen Riesenerfolg in den USA einheimsen konnte, indem die Agentur mit drei großen jüdischen Organisationen Kontakt aufgenommen hatte: das Amercian Jewish Committee, den Amercian Jewish Congress und die Anti-Defamation League.
Und man muss wissen, dass diese drei Lobbygruppen in den Vereinigten Staaten ein enormes innenpolitisches Gewicht haben. Ruder Finn schaffte es, dass diese drei jüdischen Verbände eine ganzseitige Anzeige in den New York Times aufgegeben haben, wo sie in Bezug auf die Massaker auf dem Balkan einen Vergleich mit Auschwitz brachten.
Nun wissen wir alle, dass es wohl keine schlimmere Verunglimpfung eines politischen Gegners gibt, als wenn man ihn mit Auschwitz gleichsetzt. Also die Gleichsetzung war: Die Serben sind die gleichen Täter, die früher mal Ausschwitz gemacht haben. Das ist eine Ungeheuerlichkeit gewesen – diese Anzeige – und der frühere Chef von Ruder Finn betrachtete genau diese Anzeige in eigenen schriftlichen Stellungnahmen als das Meisterstück seiner PR, was er in seiner Lebensgeschichte hingelegt habe.
Heißt das, dass man eigene Grundsätze aufgab? Ich meine, die jüdischen Verbände beispielsweise würden doch normalerweise sofort aufschreien, wenn jemand Vergleiche zum Holocaust zieht und damit Nazi-Verbrechen relativiert. Wieso gibt man das Pfund hier auf? Und ist es Zufall, dass der damalige Außenminister, Joschka Fischer, dann mit “Nie wieder Auschwitz!” bei den Grünen für den ersten Bundeswehreinsatz werben konnte?
Jörg Becker: Nein, natürlich gibt es den Zusammenhang. Wir haben mehrere Fotocollagen aus dem Balkankrieg, mehrere Fotos, wo man meint, die seien echt, die seien authentisch; wo man ausgemergelte Gefangene sieht mit Stacheldraht im Bild. Diese Bilder sind seit langem von einer Reihe von Spezialisten gut erforscht worden und waren natürlich auch visuelle Kernbotschaften, um die Auschwitzmetapher sozusagen bildhaft auf den Balkankrieg zu übertragen.
Ich mache ein weiteres Beispiel: Die deutsche Menschenrechtsorganisation “Gesellschaft für bedrohte Völker” hat mit einer großen PR-Aktion nach Beendigung des Krieges die Mütter von Srebrenica in zwei oder drei Bussen zu einem Besuch nach Buchenwald eingeladen.
Die Lagerleitung in Buchenwald hat die Delegation nicht akzeptiert: Auch hier sollte natürlich eine Verbindung hergestellt werden: Serben sind wie die damaligen Faschisten, Serben sind mit den Nazis zu vergleichen. Das sind absichtliche, ich will nicht sagen untereinander abgesprochene, aber sozusagen zeitgleiche, koordinierte Aktionen gewesen.
Jetzt muss ich mal eine ketzerische Frage stellen: Warum macht man das? Reicht denn das Leid der Menschen nicht aus? Würde man denn nicht grundsätzlich die Kriegsopfer unterstützen?
Jörg Becker: Gute Frage, und die kann ich nur zum Teil beantworten. Bei einer Menschenrechtsorganisation – egal welcher – tragen solche Aktionen natürlich dazu bei, den Aufmerksamkeitswert, den Wichtigkeitswert der eigenen Organisation zu stützen.
Ich füge ein zweites Argument hinzu: Solche NGOs in Deutschland finanzieren sich über Spendengelder. Der Spendenmarkt in Deutschland stagniert seit Jahren, er ist hart umkämpft und du brauchst Aufmerksamkeitsaktionen, um den Spendentopf wieder zu füllen. Sorry, so simpel und banal ist das Ganze.
Medien | Meinungen Der Blog des Instituts für Medienverantwortung